1. bookVolume 72 (2014): Issue 3 (June 2014)
Journal Details
License
Format
Journal
First Published
30 Jan 1936
Publication timeframe
6 times per year
Languages
German, English
access type Open Access

Neue Energielandschaften – Neue Perspektiven der Landschaftsforschung

Published Online: 30 Jun 2014
Page range: 261 - 263
Journal Details
License
Format
Journal
First Published
30 Jan 1936
Publication timeframe
6 times per year
Languages
German, English

Gailing, Ludger; Leibenath, Markus (Hrsg.) (2013): Neue Energielandschaften – Neue Perspektiven der Landschaftsforschung

Wiesbaden: Springer VS, 219 S.

Der Sammelband „Neue Energielandschaften – Neue Perspektiven der Landschaftsforschung“ wirft einen Blick auf ein ausgesprochen aktuelles und brisantes Thema: Der durch den Übergang von der fossilen und nuklearen hin zur erneuerbaren Energienutzung ausgelöste Landschaftswandel, der in seiner Geschwindigkeit und Größenordnung vermutlich einzigartig ist. Der Anbau von Biomasse zur Wärme-und Stromerzeugung erhöht den Nutzungsdruck auf Acker- und Waldflächen. Die Ausbreitung von Windparks im Binnenland, an der Küste und auf den Meeren wirkt sich auf das visuelle Erleben von Landschaften aus und geht mit Beeinträchtigungen der biologischen Vielfalt einher. Die Photovoltaik, einst auf vereinzelte Dächer beschränkt, breitet sich rapide in der offenen Landschaft aus. Kaum ein Fließgewässer verbleibt unberührt von der Wasserkraftnutzung. Welche Dynamik entfaltet die Energiewende auf die Landschaften Deutschlands? Erleben wir, wie Ludger Gailing und Markus Leibenath in ihrer Einleitung skizzieren, eine Rückkehr zum Solarenergiesystem der Agrargesellschaften (vgl. S. 7)? Oder führt die Energiewende zu einer noch umfassenderen Technisierung und Industrialisierung von Landschaften? Sind die vielfältigen Konflikte um die entstehenden Energielandschaften neuartig? Oder finden sich ganz ähnliche Konflikte in der Geschichte? Auch wenn die Forschungstätigkeit mit der Ausbreitung der erneuerbaren Energieträger stark zunimmt, sind viele – auch grundsätzliche – Fragen noch unbeantwortet.

Eine Besonderheit des Bandes ist, dass die Herausgeber eine explizit sozialwissenschaftliche Perspektive auf Landschaften einnehmen, die sich vor allem auf sozial-, kultur- und politikwissenschaftliche Erkenntnisse stützt. Eine solche Perspektive ist neu und notwendig, da die Landschaftsforschung in Deutschland bislang (anders als etwa diejenige in Großbritannien) von einer vorwiegend naturwissenschaftlich verstandenen Landschaftsökologie geprägt war. Das Entstehen des Bandes geht zurück auf eine Veranstaltung des „Arbeitskreis Landschaftsforschung“, die 2011 am Leibniz-Institut für Regionalentwicklung und Strukturplanung in Erkner stattfand. Das Buch ist Ausdruck einer Verstetigung des sozialwissenschaftlichen Interesses an Landschaften.

Die Herausgeber argumentieren in ihrer Einleitung, dass für die Ausgestaltung der Energiewende vor allem drei sozialwissenschaftliche Forschungsansätze von Bedeutung sind, nämlich die Untersuchung von Akteuren, Institutionen und Steuerungsansätzen, die Analyse von Wahrnehmungen, Sichtweisen und Bewertungen von Landschaftsveränderungen sowie die Gestaltung von Planungs- und Entscheidungsverfahren. Entsprechend ist der Band in diese drei Bereiche gegliedert. Er setzt sich aus 13 Beiträgen (inklusive Einleitung und Schlussfolgerungen) zusammen. Fünf Beiträge sind überwiegend theoretisch-konzeptioneller Natur, sechs Beiträge präsentieren Fallstudien der erneuerbaren Energienutzung in Baden-Württemberg, Bayern, Brandenburg, Hessen sowie in England. Der öffentlichen Diskussion um die Energiewende folgend, liegt ein klarer Schwerpunkt auf der Windenergienutzung und auf Aspekten der Landschaftsästhetik. Die Beiträge wurden überwiegend von Mitarbeitern deutscher Universitäten, Hochschulen und Forschungsinstitute verfasst und richten sich an Sozialwissenschaftler sowie Landschafts- und Regionalplaner.

Im Teil „Akteure, Governance und Diskurse“ untersuchen Sören Becker, Ludger Gailing und Matthias Naumann die mit den neuen Energielandschaften entstandenen „Akteurslandschaften“ (S. 19) am Beispiel des Landes Brandenburg. Sie verweisen auf die Spannungen zwischen Beharrungskräften und Transformation, zwischen privaten und kommunalen wie auch dezentral und zentral organisierten Akteuren und beleuchten insbesondere die Rolle der Zivilgesellschaft. Conrad Kunze stellt die geographische Diffusion der Energiewende in den Mittelpunkt. Er geht dabei von der Beobachtung aus, dass die Energiewende als Innovation – anders als fast alle anderen Innovationen – nicht in den Städten, sondern auf dem Land entstand. Unter Rückgriff auf die Sozialkapital- und Transitionstheorie interpretiert er die Energiewende als Herausbildung eines neuen „sozio-technischen Regimes“ (S. 42), dessen vollständiger Durchbruch jedoch noch nicht erfolgt ist (und weiterhin offen bleibt). Markus Leibenath exploriert das Konzept der Landschafts-Governance als künftiges Forschungsfeld im Kontext der neuen Energielandschaften. Er argumentiert, dass die theoretischen Zugänge des Rational-Choice-Institutionalismus, der Diskurstheorie und der Gouvernementalität wichtige Beiträge unter anderem zur Untersuchung der Konstruktion und des Handelns von Akteuren, von Machtverteilung, politischer Legitimation, Partizipation gesellschaftlicher Gruppen und Koordination zwischen politischen Sektoren und Handlungsebenen leisten können. Antje Otto und Markus Leibenath wenden einen solchen diskurstheoretischen Ansatz empirisch in zwei Fallstudien auf nationaler und lokaler Ebene an, um Landschaftsbegriffe, Argumentationsmuster und Diskurskoalitionen im Kontext von Konflikten um die Windenergie zu analysieren. Sie finden einerseits sehr breite Interpretationen des Landschaftsbegriffs vor, andererseits aber eine erstaunliche Persistenz in den Argumentationsmustern um Windenergie und Landschaft.

Der Teil „Sichtweisen auf die Veränderung von Landschaften“ beginnt mit Ute Hasenöhrls umwelthistorischer Analyse von Konflikten um die Wasserkraftnutzung in Bayern während der 1940er bis 1970er Jahre. Sie zeigt dabei erstaunliche Kontinuitäten in den Kontroversen um erneuerbare Energieträger auf – von der besonderen Bedeutung landschaftsästhetischer Aspekte bis hin zu einem generellen Spannungsverhältnis zwischen Naturschutz sowie Umwelt- und insbesondere Klimaschutz. Die Autorin verweist jedoch auch auf deutliche Unterschiede zwischen den frühen und heutigen Konflikten um erneuerbare Energien, etwa was die Organisation des Protests angeht. Olaf Kühne trägt einen Theorieüberblick zur sozialen Konstruktion von Klimawandel und Landschaft sowie zu verschiedenen Deutungen von Landschaftsästhetik bei, der anschließend zur Interpretation des durch regenerative Energien ausgelösten Landschaftswandels herangezogen wird. Susanne Kost widmet sich anhand der Beispiele Ruhrgebiet und Niederlausitz dem Landschaftsbegriff aus der Sicht der Bewohner. Sie verweist darauf, dass die Beziehungen, Interessen und Reflexionen von Bewohnern/innen zu ihrer Landschaft weit über ästhetische Aspekte hinausgehen und entwickelt Vorschläge für großräumige Planungsstrategien und -konzepte, die dieser Vielschichtigkeit gerecht werden. Niels M. Franke und Hildegard Eissing führen in die rechtliche Einklagbarkeit von „Vielfalt, Schönheit und Eigenart des Landschaftsbildes“ im Kontext der Energiewende ein. Hervor sticht die im gerichtlichen Alltag geläufige Hilfskonstruktion des ‚gebildeten Durchschnittsbetrachters‘, dessen vermutetes Landschaftsempfinden als Maßstab herangezogen wird. Das Kapitel führt – verkürzt ausgedrückt – zu der Einsicht, dass unser Rechtssystem einer umfassenderen Einführung in das moderne Verständnis von „Landschaft“ bedarf.

Der dritte Teil widmet sich planungswissenschaftlichen Ansätzen. Heidi Megerle beschreibt die Konflikte, die sich in einem „hot spot“ der Energiewende entwickeln: In Baden-Württemberg fühlt sich die grün-rote Landesregierung gleichermaßen dem Ausbau der erneuerbaren Energienutzung und der Erhaltung von Natur und Landschaft verpflichtet. Der Beitrag weist darauf hin, dass es für den Zielkonflikt zwischen Energiegewinnung und Landschaftserhaltung oft keine Kompromisse oder gar Lösungsstrategien gibt – und hinterlässt beim Lesen eine gewisse Ratlosigkeit. Bärbel Francis stellt einen in England entwickelten Ansatz zur Untersuchung der Empfindlichkeit von Landschaften gegenüber der Entwicklung von Wind- und Solarparks vor. Ein solcher Ansatz kann dazu beitragen, Genehmigungsverfahren zu vereinfachen und Konflikte um erneuerbare Energien frühzeitig zu erkennen bzw. zu verringern. Jenny Atmanagara befasst sich wiederum mit der Energiewende in Baden-Württemberg und analysiert in diesem Zusammenhang verschiedene strategische Planungsprozesse. Sie plädiert für eine stärkere Berücksichtigung kultureller Unterschiede und regionalspezifischer Gegebenheiten sowie für ein „empowerment“ (S. 200) der von der Energiewende betroffenen Akteure.

Die Kapitel des Sammelbandes weisen ein breites Spektrum an theoretischen, empirischen und anwendungsbezogenen Beiträgen auf. Aus ihnen lassen sich vielfältige Anregungen, die für die praktische Bewältigung der Auswirkungen der Energiewende auf Landschaften von Bedeutung sind, ableiten. Der Band positioniert die Sozialwissenschaften als Disziplinen, die Fragen nach Machtaspekten, Akteuren und Individuen, Normativitäten und Governance in die Landschaftsforschung zu integrieren vermögen. Für die Zukunft wäre es sehr spannend, diese Ansätze mit der klassischen Landschaftsökologie zu verknüpfen, um so das Forschungsfeld Landschaft zu einer modernen „landscape sustainability science“ (Wu 2013) weiterzuentwickeln.

Wu, J. G. (2013): Landscape sustainability science: ecosystem services and human well-being in changing landscapes. In: Landscape Ecology 28 (6), 999–1023.WuJ. G.2013Landscape sustainability science: ecosystem services and human well-being in changing landscapesLandscape Ecology2869991023Search in Google Scholar

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